11.11. - 20.11.22

La Grande Gare

Autumn Festival

VOLLDAMPF

Der Zug nimmt Fahrt auf im 19. Jahrhundert, die Technik frisst sich in immer mehr Bereiche des Alltags hinein – und die Komponisten? Sie entdecken eine neue Mechanik der Gefühle. Nicht nur die Orchester werden größer, sondern auch die Stimmen: Pietro Mascagnis Verismus nimmt den Filmschnitt vorweg, während wir bei Wagner das Gegenteil vorfinden. Sein unendlicher Strom erfasst Helden wie Harmonien, löst Arien auf und ist voller Leitmotive, die das Unbewussten zum Sprechen bringen, lange bevor die Psychologie es tut. Mit Thomas Hengelbrock, Teodor Currentzis und Antonello Manacorda kommen Dirigenten zu den Herbstfestspielen, die für ihre Kompromisslosigkeit bekannt wurden. Einem Klangideal auf der Spur, das die Routine fürchtet, pendeln sie zwischen großen Orchestern und eigenen Ensembles hin und her. Ihr historischer Vorreiter: Hector Berlioz, der das romantische Orchester entfesselte und mit seiner „Symphonie fantastique“ das sinfonische Künstlerdrama erfand. Er prägte auch, in Baden- Baden übrigens, den Begriff „Festival“. Eine „Idée fixe“, die bis heute Früchte trägt.

EUROPA AN DER SEINE

Thomas Hengelbrock über seine neue Heimat Paris und sein Sentiment für die italienische Oper

Herr Hengelbrock, Sie empfangen uns im Salon Fanny Hensel, der historischen Dirigenten-Garderobe der Opéra Garnier, um über ein neues Festival in Baden-Baden zusprechen. Wo fühlen Sie sich heimisch?

Ich komme ja aus einer kleinen norddeutschen Stadt, Wilhelmshaven, und bin immer noch stolz drauf. Ich habe gute Erinnerungen an meine Zeit dort, aber ich war auch schon immer ein Reisender. Schon als 16-Jähriger bin ich nach Paris gefahren, auch nach Wien – und zwar nicht nur, um mir die Städte anzuschauen, sondern auch, um Unterricht zu nehmen, um zuzuhören, um beim Concentus Musicus in Wien zu spielen, oder bei Frans Brüggen in Amsterdam. Danach bin ich nach Freiburg gegangen, anschließend Chef der Volksoper Wien geworden, dann Hamburg – ich war und bin ein Reisender in Sachen Musik. Jetzt in Paris, wo ich Chef associé des Orchestre de Paris war und jetzt viel an der Oper arbeite, hat sich dieses Gefühl verstetigt, dass ich in Paris zuhause bin. Hier sind all die Städte, die ich aufgezählt hatte, enthalten. Paris ist wirklich Europa, das macht es hier so faszinierend und schön.

Können Sie sich noch an Ihre allererste Reise nach Paris erinnern?

Das war eine ganz spontane Nachtund- Nebel-Aktion mit einem Freund. Wir sind nachts um elf Uhr in Würzburg mit einem alten Renault gestartet und hier morgens um halb neun an der Fontaine St. Michel angekommen, wo sich die Studenten treffen. Das war für mich als kleinen Buben, der vom Land kommt, faszinierend.

Und heute: Wie lebt Thomas Hengelbrock an der Seine?

Es ist nicht immer leicht, in Paris zu leben. Der Verkehr, die sozialen und politischen Konflikte – das ist nicht alles schön. Aber es hat immer auch eine Weite, es gibt immer eine Lösung. Die neue Regel, dass jetzt die Straßen zu einem Drittel für Fahrräder und Roller reserviert sind – wer hätte gedacht, dass das hier möglich würde? Das Wichtigste für mich als Künstler ist, dass in Paris ganz Europa enthalten ist, und dass die Kultur hier eine hohe Bedeutung hat.

Mit der Außensicht auf Deutschland: Was ist deutsch, was ist französisch?

Ein Nachbar sagte mal: „Für euch Deutsche ist es das Wichtigste, dass ihr einen guten Beruf habt. Für uns Franzosen ist es das Wichtigste, ein gutes Leben zu haben.“ Auch der politische Wille in diesem Land möchte, dass möglichst alle ein gutes Leben haben. Das führt zu hohen Steuern, aber eben auch zu besonderen Anstrengungen in der kulturellen Bildung.

Welche Rolle spielt dabei Ihrer Meinung nach die Kultur?

Hier gehört eine kulturelle Erziehung einfach dazu. Ich staune darüber, in wie vielen Museen mein Sohn schon war, der hier zur Schule geht. Die Schüler gehen auch nicht nur einfach in eine Kindervorstellung von „Carmen“, sondern lernen vorher in der Schule Chöre aus der Oper mit Texten und singen das dann in der Vorstellung mit. Da geht es um Teilhabe. Und ich staune, welchen kulturellen Bildungsgrad die Politiker hier haben.

Sehen Sie das neue Festival „La Grande Gare“ in Baden-Baden also als Chance?

Es gibt viele Menschen, die großen Hunger nach geistiger Nahrung haben und die nicht satt werden von dem, was die heutige schnelllebige Zeit bietet. Für die Veranstalter ist der Druck hoch, „die Hütte“ voll zu kriegen – sehr viel ist finanziellen Zwängen geschuldet. Da kann man auch einmal etwas dagegensetzen und Philosophen, Soziologen, Kulturhistoriker oder auch Lehrerinnen und Lehrer einladen. Es ist manchmal extrem erhellend, Pädagogen zuzuhören, die von ihrer Arbeit berichten. In Baden-Baden haben wir doch die Chance, das Beste aus Europa gut anzuschauen und dann zu fragen: Wie bauen wir das neue Europa für unsere Kinder?

Wie sieht Ihr eigener Beitrag zum Generationendialog aus?

Ich arbeite hier zusammen mit dem Conservatoire nationale, auch die Oper hat eine große Akademie, mit der ich gerade erste Gespräche über Kooperationen mit der Balthasar- Neumann-Akademie führe. Mit ihr realisieren wir vielfältige internationale Projekte für junge Menschen und Musiker – vom Kindergartenalter bis zum Ende des Studiums.

Welche Bedeutung haben diese Themen für Ihre Arbeit mit den Balthasar-Neumann-Ensembles?

Das BNE ist ein europäisches Ensemble und ein europäischer Chor mit Sitz in Deutschland. Es ist ja heute gut möglich, dass man europäisch lebt. Wir reduzieren den Reisebetrieb in Zukunft ganz bewusst. Auch deshalb sind wir sehr froh über die Baden-Badener Residenz. Eine längere Zeit an einem Ort sein zu können ist besser: für die Konzentration, für das künstlerische Ergebnis, für die Verbindung zum Publikum – und nicht zuletzt für die Umwelt.

Die Akademie Balthasar Neumann ist Teil der „Résidence artistique“ im Château de Fontainebleau?

Ja, hier machen wir Kurse und Konzertprojekte mit unserer Akademie, in legerer und gleichzeitig historischer Atmosphäre – und mit Interessenten aus aller Welt. Das werden wir auch für den Balthasar-Neumann- Chor ausbauen.

Damit halten Sie die Balthasar- Neumann-Ensembles frisch und neugierig …

Wir sind als ein Künstlerkollektiv in ganz beglückender Weise eng zusammengewachsen. Gerade weil wir auch während der Pandemie 16 Projekte verwirklicht haben. Wir haben es geschafft, Honorare zu zahlen, wir haben ein eigenes Hygienekonzept entwickelt – auch für mich hat sich in dieser Zeit die Konzentration auf das Wesentliche in meinem Beruf noch einmal verstärkt. Es gibt eben auch ein bestimmtes „Zuviel“, über das ich jetzt anders denke als vorher.

Und zum Wesentlichen zählt bei Ihnen nicht erst seit dem Baden- Badener „Rigoletto“ die italienische Oper?

Ich habe ein großes Sentiment für einige italienische Opern. Ich wünsche mir auch, einmal „Bohème“ mit Instrumenten der Zeit machen zu können. „Cavalleria Rusticana“ habe ich als Orchestermusiker kennengelernt. Heute habe den ganz dringenden Wunsch, dieses Stück, das so chorbasiert ist, einmal von meinen Ensembles zu hören. Dieser Wunsch geht auf unsere „Parsifal“-Erfahrung zurück, die fundamental war und bis heute nachwirkt. In „Cavalleria Rusticana“ liebe ich diese Erdung, die Sprache der einfachen Leute, die ihre Geschichte in ihrem kleinen Dorf erleben. Man spürt dieser Musik an, dass es eine Musik für uns alle ist.

Das Programm

11.11.22 – 13.11.22

CAVALLERIA RUSTICANA

Pietro Mascagni

Mascagnis „Cavalleria Rusticana“ markiert den Beginn der veristischen Oper, die sich nicht scheut, den Vorhang für Bauern, Prostituierte und Kleinbürger zu heben, für kleine Weinhändler, die von einem Rausch zum nächsten leben. Überhaupt steckt die „Cavalleria“ voller pikanter französischer Harmonien, die ihrerseits Wagners „Tristan“-Kühnheiten ins eigene Idiom übersetzten. Eine unwiderstehliche Mischung: Keine Oper war zu ihrer Zeit erfolgreicher. Und heute? Was wohl noch unter Hengelbrocks Röntgenblick zum Vorschein tritt? Freuen wir uns darauf!

ZUR VERANSTALTUNG

SA 12.11.22

SYMPHONIE FANTASTIQUE

Antonello Manacorda, Balthasar-Neumann-Ensemble

Noch Wagner wird geheimnisvolle Zaubertränke brauen, ganz nach Art der schwarzen Romantik, die Gift, Gespenst und Genuss verspricht. Das Pendel schlug um nach 1800, dem Engel der Vernunft folgte der Teufel der Wünsche. Carl Maria von Weber nahm die Wolfsschlucht bei Baden-Baden für seine Teufelsszene im „Freischütz“ zum Vorbild und Hector Berlioz, der große Weber- wie Baden-Baden-Freund, verfrachtete den Teufel in seine „Symphonie fantastique“.

ZUR VERANSTALTUNG

17.11.22 – 20.11.22

TRISTAN UND ISOLDE

Andreas Schager, Brigitte Christensen

Das Schwarz, in das sich Teodor Currentzis kleidet, lässt sich kulturhistorisch auf die Nacht zurückführen, die in „Tristan“ positiv aufgeladen wird. Kulturhistorisch haben wir hier eine Abkehr vom Sehen und die Hinwendung zum Berühren. Die Wende begann mit der Romantik – und hier wurzelt auch Teodor Currentzis´ Auffassung von Kunst. Statt Betrachtung sucht er die Hingabe. Wir erwarten eine Aufführung wie nicht von dieser Welt.

ZUR VERANSTALTUNG

SA 19.11.22

TEODOR CURRENTZIS

musicAeterna

Eine „Carte blanche“, also die Freiheit, die Werkliste erst nach Druckschluss des Jahresprogramms festzulegen, ist ein Privileg, das wir leider nicht jedem Künstler zubilligen können. Bei Teodor Currentzis lassen wir uns darauf ein – in dem Wissen, dass dieser Künstler gegen jede Musealisierung der Musik anspielt und Spontanität einfordert, selbst wenn das einen schweren Dampfer wie das Festspielhaus an seine Grenzen bringt. Folgen Sie uns also ins unbekannte Gewässer! Denn die Ergebnisse sprechen für sich. Wir erwarten einen Konzertabend, der in typischer Currentzis-Manier außerordentlich zu werden verspricht.

ZUR VERANSTALTUNG

Partizipation

12.11.22

VIVE LE GESANG!

Deutsch-französisches Sing-Fest zum Mitmachen

Deutsch-französisches Sing-Fest zum Mitmachen Die neuen Herbstfestspiele möchten Grenzen überwinden. Das klingt in Zeiten einer lebendigen Europäischen Union etwas merkwürdig, wird deshalb aber nicht unwichtiger. Auch ohne Schlagbäume und Zollkontrollen existieren Grenzen – und seien es vielleicht auch eher Sprach- und Kulturbarrieren. Der Balthasar-Neumann-Chor möchte dazu motivieren, diese weiter abzubauen. Und wie? Natürlich mit Gesang und einem Konzert auf der großen Festspielhaus- Bühne. Entstehen wird ein Projektchor, der unter Anleitung der Chorprofis im Vorfeld des Festivals in Workshops probt und so sein Programm erarbeitet. Anmeldung: siehe unten Le nouveau festival d‘automne veut dépasser les frontières. Cela semble un peu étrange à l‘époque d‘une Union européenne dynamique, mais cela ne la rend pas moins importante. Même sans barrières et contrôles douaniers, les frontières existent – même s‘il s‘agit peut-être davantage de barrières linguistiques et culturelles. Le choeur Balthasar Neumann veut motiver les gens à briser ces barrières. Et comment ? Avec des chants, bien sûr, et un concert sur la grande scène du Festspielhaus. Un choeur de projet sera formé, qui tiendra des ateliers sous la direction des professionnels du choeur en amont du festival et développera ainsi son programme. Êtes-vous intéressé ? Inscription : voir ci-dessous.

Meisterklassen instrumental

Coaching für den Musik-Nachwuchs

Die Akademie Balthasar Neumann betreut Musikerinnen und Musiker aus aller Welt. Zu den Baden- Badener Herbstfestspielen sind natürlich auch Studierende aus der Umgebung herzlich willkommen. In „Meisterklassen“ geht es um die instrumentale Berufsvorbereitung. Coaches und Mitglieder des Balthasar- Neumann-Ensembles geben kostenfreie Stunden mit den Schwerpunkten Romantik, historisch informiertes Musizieren und Spielen auf historischen Instrumenten. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Tag des Musikunterrichts

Impulse ohne Grenzen

Seit vielen Jahren arbeitet das Festspielhaus Baden- Baden mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe und dem Land Baden-Württemberg im Rahmen der pädagogischen Weiterbildung zusammen. Am „Tag des Musikunterrichts“ geben Künstlerinnen und Künstler Impulse für den Musikunterricht. Kurz nach dem Festival „La Grande Gare“ stehen auch grenzüberschreitende Veranstaltungen auf dem Programm. Das genaue Programm wird Anfang 2022 veröffentlicht.

KULTURREISE HERBSTFESTSPIELE

Rausch und Romantik

Liebe, Eifersucht, Rausch: Es geht hoch her in der Oper „Cavalleria Rusticana“, einer der beiden Festspiel- Aufführungen, die im Mittelpunkt dieser Kulturreise stehen. Im Sinfoniekonzert begegnen einem sogar Hexen und Teufel. Passend dazu gibt es neben den teuflisch guten Festmenüs auch eine Wein- und Schinkenprobe – wir sind schließlich im Schwarzwald, in dem es schon immer hoch herging.