28.5. - 6.6.2022

Presence

Pfingstfestspiele

Antenne Baden

Die Zukunft begann vorgestern. Unter dem neuen Titel „Presence“ blicken die Pfingstfestspiele Baden-Baden mit dem SWR Symphonieorchester auf die musikalische Moderne vom späten 19. bis zum 21. Jahrhundert. Passend zum Konzept setzt man vor allem auf junge Musiker. Patricia Kopatchinskaja geht mit dem Label „Stargeigerin“ auf erfrischende Weise unorthodox um. Dima Slobodeniouk ist das, was man in der Branche „heiß“ nennt: ein aufstrebender Dirigent, dessen Interpretationen von Beginn an zündeten und der in den Agenturen der Welt hoch gehandelt wird. Als roter Faden durchzieht dieses Festival das Werk des Komponisten und Dirigenten Esa-Pekka Salonen. Den Beginn der Moderne markieren Klassiker wie Wagners „Walküre“ (erster Aufzug) und Gustav Mahlers siebte Sinfonie. Mit „Presence“ kehrt das SWR Symphonieorchester an eine seiner Geburtsstätten zurück. Am Standort Baden-Baden wird bereits seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sinfonische Radiogeschichte geschrieben.

Damals im Jetzt

Baden-Baden als Stadt der musikalischen Moderne

Die Frage, ob es in der Musik eine Gegenwart gibt, ist nicht so leicht zu beantworten. Schließlich ist ein Ton, der am Ohr der Zuhörerschaft ankommt, für das Orchester bereits ein verklungener. Geigerin und Trompeter denken bereits an den nächsten und hören den soeben erzeugten innerlich „nach“, um Intonation und Akzentuierung zu „prüfen“. Schon deshalb ist ist „Gegenwart“ in der Musik so subjektiv wie in kaum einer anderen Kunst.

Und ein Orchester?

Es ist immer ein Ensemble der Gegenwart, nie eines der Vergangenheit oder der Zukunft. Und dennoch schwingen Mythen der Vergangenheit auch in Orchesterauftritten mit – das ist beim SWR Symphonieorchester nicht anders. Ob im Südwestfunk, beim Süddeutschen Rundfunk oder im später fusionierten Südwestrundfunk: Immer wurden bedeutende Konzerte gespielt, weltweit beachtete Aufnahmen produziert und aufregende Dirigenten nach Baden-Württemberg gelockt.

In Baden-Baden entstand, etwas entgegen dem Klischee, nach 1945 ein Mekka der Moderne und der Gegenwart für die Orchestermusik. Hans Rosbaud begründete diese Tradition in der französischen Besatzungszone, wenngleich die Musik der Moderne auch im 19. Jahrhundert und erst recht in den 1920er-Jahren in Baden-Baden eine wichtige Rolle spielte. Als die Donaueschinger Musik- Tage für ein paar Jahre in Baden-Baden stattfanden, „rockten“ Künstler wie Kurt Weill, Paul Hindemith, Bertolt Brecht, Béla Bartók und Hanns Eisler die Stadt. Die Filmmusik wurde diskutiert und ein Radiostudio in der Ooser Schützenhalle nachgebaut, um Konzertexperimen-te mit Publikum UND Technik zu wagen. Begriffe wie „Partizipation“ waren zwar noch nicht en vogue, wurden aber schon mit musikalischem Leben gefüllt. Im „Lindberghflug“ sollte das Publikum die auf eine Leinwand projizierten Noten mitsingen, was misslang und heiß diskutiert wurde.

Die Musik der Gegenwart, ihre Komponisten und Interpreten formten ein lebendiges Festival, das international bedeutend war und es bis heute in Donaueschingen ist. Die erzwungene Generalpause für die in Freiheit komponierte Musik endete in Baden-Baden 1945. Danach begründete eben jener die Moderne zu allen Zeiten liebende Hans Rosbaud die Weltstadt der Orchester- Moderne und begrüßte Stars wie Igor Strawinsky und Olivier Messiaen nach dem Krieg im eilig errichteten Sendesaal am Fuße des Fremersbergs. Das Orchester machte schnell von sich reden, gastierte international – nicht zuletzt in Aix-en-Provence, was zumindest in Fotos festgehalten ist.

Auch diese Gegenwart der Vergangenheit schwingt mit, wenn wir zu Pfingsten ein neues Gegenwartsfestival begründen, in dem das SWR Symphonieorchester seine Residenz in Baden-Baden bezieht und in seinen Programmen auch solche „Neutöner“ wie Richard Wagner und Gustav Mahler zu Wort kommen lässt, deren Erneuerungen wir schon tief verinnerlicht haben.

Das Scherzo rockt

Esa-Pekka Salonen über die heilende Kraft des Ausprobierens

Obwohl er als Dirigent weltweit gefragt ist, findet Esa-Pekka Salonen immer wieder die Ruhe zum Komponieren. Drei seiner Werke präsentiert das SWR Symphonieorchester beim Presence-Festival.

Die ersten Takte Ihres Bläserquintetts klingen sehr geheimnisvoll. Sie lassen die Instrumente buchstäblich im Klangnebel stochern, bis die Töne allmählich greifbar werden. Welche Idee steckt hinter dem Titel „Memoria“?

Mit Anfang zwanzig habe ich an diesem Stück geschrieben, es aber nicht vollendet. Dann habe ich es völlig vergessen, fand eines Tages den Entwurf wieder und beschloss, es zu Ende zu schreiben. Natürlich war ich nicht mehr derselbe Komponist. Mein Stil hat sich verändert, meine Technik hat sich entwickelt. Es ist so etwas wie der Blick eines älteren Komponisten auf sein jüngeres Ich, eine Erinnerung. Deswegen wählte ich den Titel.

Ihre Komposition „Gemini“ für großes Orchester ist dagegen wuchtig und brachial. „Gemini“, also „Zwillinge“, blickt in zwei Sätzen auf ein ungleiches Zwillingspaar der griechischen Mythologie: Castor und Pollux. So verschieden die beiden sind – gibt es so etwas wie eine musikalische „DNA“, die sie verbindet?

Als ich die Arbeit an dem Stück aufnahm, stellte ich zunächst musikalische Bausteine zusammen, auf die ich immer wieder zurückgreifen würde. Mir fiel dann auf, dass ich dieses Material in zwei verschiedene Richtungen bewegen konnte: Der eine Satz klingt ätherisch, langsam, verträumt, der andere dagegen ist laut, temporeich, und hat etwas Hyperaktives. Das ist es, was diese Zwillinge ausmacht: Sie haben dieselbe Mutter, aber verschiedene Väter. Castor ist der Sohn des Königs von Sparta, Pollux dagegen ist unsterblich, denn Zeus ist sein Vater. Der erschien Pollux’ Mutter übrigens als Schwan und es bleibt mir ein Rätsel, warum eine Frau mit einem Schwan ins Bett gehen sollte … Wie dem auch sei, das ist eben uralte Mythologie.

Als uralt – oder vielmehr: altmodisch, haben Sie einmal erwähnt – galt lange Zeit das Violinkonzert. Inzwischen haben Sie sich selbst an dieser Gattung ausprobiert. Erleben wir eine Renaissance?

In den 1950er- und 1960er-Jahren war die Avantgarde nicht an Violinkonzerten interessiert. Zu stark war das verklärt-romantische Image dieser Gattung. Aber: Mode und Geschmack verändern sich. Viele meiner Kollegen schreiben wieder Solokonzerte. Mich inspiriert der Gedanke, ein Individuum mit einem Kollektiv ins „Gespräch“ kommen zu lassen.

Im dritten Satz muss sich die Sologeige gegen ein Drumset behaupten. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Ich wollte, dass die vier Sätze völlig unterschiedlich klingen – so, als hätte die Solovioline vier Persönlichkeiten. Ein Drumset klingt sehr rhythmisch, laut und ausgelassen – wie ein „Scherzo“ im traditionellen Sinne. Man kann rasante, komplexe Rhythmen erzeugen. Ich nutze es genauso, wie man es auch in der Rockmusik einsetzt. In meinem Violinkonzert ist das ein spannender, starker Kontrast.

Wie haben Sie das letzte Jahr erlebt?

Als Komponist dürften Sie „social distancing“ gewohnt sein. Das ist insofern eigenartig, als es zum Beispiel für die Entstehung eines Popsongs gleich ein ganzes Team braucht. Klassische Musik ist das einzige Genre, in dem sich ein Komponist allein in sein Studio verziehen und erst dann herauskommen kann, wenn die Partitur fertig ist. Zuerst dachte ich, das ist ein Geschenk des Himmels: Ich habe Zeit zum Komponieren. Dann merkte ich, dass es sehr schwierig war. Für eine Weile hatte ich meine Motivation verloren, dann aber habe ich mich immer wieder an neuen Sachen ausprobiert und meinen ersten Soundtrack für einen Spielfilm geschrieben. Das hat mir geholfen.

Das Programm

SA 28.5.22

SWR Symphonieorchester I

François-Xavier Roth dirigiert Mahler

In Baden-Baden verbindet man mit dem Namen Gustav Mahler in erster Linie Michael Gielen und Pierre Boulez. Beide haben seine Sinfonien mit den SWR-Klangkörpern wiederholt aufgeführt – eine Tradition, in die sich nun François-Xavier Roth einreiht.

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DO 2.6.22

Presence-Late-Night

Jazz zur Nacht

Nichts hat Jazz in den letzten Jahren so aufgefrischt wie die Berührung mit elektronischer Musik. Das hört man auch bei Libor Sima und Felix Borel, zwei improvisationsgeübten Musiker des SWR Symphonieorchesters, die sich mit Jazzern aus Deutschland zusammengetan haben.

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FR 3.6.22

PRESENCE-KAMMERMUSIK

Mitglieder des SWR Symphonieorchesters

Moderne Musik, die man nachpfeifen kann. Warum eigentlich nicht? Das war die Frage, die sich auch Esa-Pekka Salonen in seinem Kompositionsstudium stellte, zusammen mit Generationsgenossen, die die Avantgarde einmal kräftig durchlüften wollten – und sei es mit einem ehrlich gemeinten Publikumsapplaus.

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SA 4.6.22

SWR Symphonieorchester II

Dima Slobodeniuk dirigiert Salonen und Beethoven

Wenn Esa-Pekka Salonen sich von dem Mythos zu seinen orchestralen Zwillingssätzen „Gemini“ inspirieren lässt, dann ist das nur der vorläufige Schlusspunkt einer Entwicklung, die der junge russisch-finnische Dirigent Dima Slobodeniouk auf seiner musikalischen Reise beleuchten möchte.

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SO 5.6.22

PATRICIA KOPATCHINSKAJA

SWR Symphonieorchester

Acht Minuten virtuosen Dauerlauf wird die Geigerin Patricia Kopatchinskaja zu Beginn von Salonens Violinkonzert bewältigen müssen, und wer diese Musikerin je live erlebte, weiß: Nach spätestens vier Minuten erliegt man ihr. Im dritten Satz, der noch schneller als der erste ist, befinden wir uns in einer Großstadt von heute.

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MO 6.6.22

Patricia Kopatchinskaja & Friends

MItglieder des SWR Symphonieorchesters

Patricia Kopatchinskaja, die sich seit Jahren für Enescus Werke einsetzt, wird es mit Mitgliedern des SWR Symphonieorchesters aufführen, um anschließend im wahrsten Sinne des Wortes die Rolle zu wechseln: als Mitspielerin in einem Film, der die „Ursonate“ des dadaistischen Künstlers Kurt Schwitters in Bilder umsetzt.

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Partizipation

30.5.22 Classic Mobil

Radio und Rundfunk, das ist weit mehr als Musikberauschung im Auto nach Feierabend auf dem Nachhauseweg. Ein Rundfunksinfonieorchester hatte immer schon auch soziale Aufgaben: Musik, gern auch zeitgenössische, an die Frau und den Mann zu bringen, in Gegenden weit weg von Konzertsaal und Opernbühne. Mit Classic Mobil radikalisieren die Musikerinnen und Musiker des SWR Symphonieorchesters diese Grundidee. Classic Mobil ist ein Format, das Livemusik an Brennpunkte bringt, an Orte, wo der Alltag sich um alles andere als die Kunst dreht: Psychiatrie, Seniorenzentren, Hospize. Es gehört zur Offenheit des Konzepts, dass bei Drucklegung Programme und Orte noch nicht feststanden. Das Format reagiert auf konkrete Anregungen.

28. – 29.5.22 Classic reloaded

Jugendliche gestalten ihre eigene „Klassik-Lounge“

Jugendliche ab 14 Jahren gestalten ihr eigenes Klas- sik-Event, von der Organisation über die Veranstaltungstechnik bis hin zu eigenen Live-Acts gemeinsam mit Mitgliedern des SWR Symphonieorchesters. In unterschiedlichen Gruppen (DJ-Gruppe, VJ-Gruppe, Organisationsgruppe etc.) wird mit eigenen Aufnahmen des SWR Symphonieorchesters gearbeitet, Live-Visuals werden erstellt – bis die eigene Lounge entsteht: von Jugendlichen für Jugendliche und die interessierte Öffentlichkeit.