30.9. - 9.10.2022

The World of John Neumeier

Dance festival

NEUER SPIELRAUM

Die Partnerschaft, die das Festspielhaus Baden-Baden und John Neumeier verbindet, währt nun länger als zwei Jahrzehnte. Diese Zusammenarbeit wurde in der vergangenen Spielzeit beträchtlich erweitert. Entstanden ist ein Festival, in dem John Neumeier sein umfassendes Verständnis von Tanz präsentiert – im Zentrum auch 2022 wie stets das Hamburg Ballett. Für das von ihm initiierte Bundesjugendballett kreiert John Neumeier das neue Werk „Die Unsichtbaren“. Darin erinnert der Choreograph an Tänzer und Choreographen der 1920er- und 1930er-Jahre und gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus. Die Erweiterung des Festivals in die Stadt hinein symbolisiert John Neumeiers Wunsch, durch Tanz mit der Welt in Verbindung zu treten. Die Welt des Tanzes wird in Gestalt weiterer Gäste nach Baden-Baden kommen, und die Festspielstadt verwandelt sich in eine Tanzstadt, hat John Neumeier gesagt. Das klingt verheißungsvoll.

Das Programm

FR 30.9.22

BALLETT-WERKSTATT

Hamburg Ballett John Neumeier

John Neumeier lässt es sich nie nehmen, Werke und Compagnie selbst vorzustellen – in seiner „Ballett-Werkstatt“, die unter den Ballettfans längst Kult ist. Neumeier ist ein Charismatiker, der seine Zuhörer zu unterhalten weiß und kostbare Einblicke gewährt: in sein Denken und seine Art, historische Persönlichkeiten und Stoffe der Weltliteratur in Ballette zu übersetzen.

ZUR VERANSTALTUNG

1.10. – 3.10.22

BEETHOVEN-PROJEKT II

Hamburg Ballett John Neumeier

Das Beethoven-Jahr war der Auslöser für Neumeiers Auseinandersetzung mit einer Musik voller Bewegungsimpulse. Hierzu schuf John Neumeier eine Choreographie, die sich lose an Beethovens Leben orientiert – wie bereits im „Beethoven-Projekt I“, das im Festspielhaus Baden-Baden mit großem Erfolg aufgeführt und verfilmt wurde.

ZUR VERANSTALTUNG

5.10. – 6.10.22

DIE UNSICHTBAREN

Bundesjugendballett

John Neumeier hat mit seinem Projekt „Die Unsichtbaren“ gemeinsam mit dem Bundesjugendballett begonnen, nach den ermordeten Kolleginnen und Kollegen zu suchen und ihre Geschichte posthum durch Impressionen der Zeit zurück in einen Echoraum der Erinnerung zu holen – vermittels einer Tanzcollage mit Musik, Lied und Text, die verschiedene Aspekte des deutschen „Ausdruckstanzes“ beleuchtet und der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt.

ZUR VERANSTALTUNG

7.10. – 9.10.22

HAMLET 21

Hamburg Ballett John Neumeier

John Neumeier knüpft einen Knoten, der die Sicht der Zuschauer, die Geschichte Shakespeares, zahlreiche historische Quellen, die eigene Ballettsprache und die Musik des britischen Komponisten Michael Tippett zu einem facettenreichen Ganzen verbindet. Die Verantwortung für die Vergangenheit: Darum kreist dieses Ballett, ein Kunstwerk, das auf Neumeier-typische Art die Sichtweisen der Moderne mit der Tradition des Tanzes versöhnt.

ZUR VERANSTALTUNG

PARTIZIPATION

Social Dance

Das Tanzfestival „The World of John Neumeier“ findet auch in sozialen Einrichtungen statt. Vor und während des Festivals werden die Mitglieder des Bundesjugendballetts mit Kindern oder Jugendlichen tänzerisch arbeiten, choreographieren und Spaß haben. Der soziale Gedanke ist dem Bundesjugendballett sehr nahe. „Ich bin immer wieder beeindruckt, wo das BJB seine Projekte verwirklicht“, sagt John Neumeier. Einrichtungen für junge und ältere Menschen, Krankenhäuser, selbst im Gefängnis haben die Tänzerinnen und Tänzer schon für Gänsehautmomente gesorgt. Das Ergebnis der Arbeit rund um das Festival „The World of John Neumeier“ wird öffentlich präsentiert. Zeiten und Orte finden sich auf der Internetseite www.festspielhaus.de/partizipation.

TANZ IST KOMMUNIKATION

John Neumeier über das neue Tanzfestival in Baden-Baden

Herr Neumeier, Sie haben sich entschlossen, in Baden-Baden ein neues Kapitel Ihrer unvergleichlichen Karriere aufzuschlagen. Nun sind Sie also Impresario …

… was ich nie werden wollte. Ich konnte mir nie vorstellen, eine Compagnie zu leiten, ohne auch ihr Choreograph zu sein. Es reizt mich aber nun sehr, auf Einladung von Benedikt Stampa, in Baden-Baden ein Festival zu kuratieren. Denn ich liebes es nicht nur, Tanz zu kreieren, ich liebe den Tanz – einfacher und umfassender kann ich es nicht ausdrücken.

Sie haben dazu beigetragen, dass Baden-Baden in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einer Tanzstadt geworden ist. Wo sehen Sie weitere Entwicklungsmöglichkeiten?

In den vergangenen 22 Jahren durfte ich 34 meiner Werke in Baden-Baden vorstellen – immer auf der großen Festspielhaus-Bühne. Als mir Benedikt Stampa dann während der Pandemie das Theater, das Museum Frieder Burda, die Akademie-Bühne zeigte, eröffneten sich mir neue Ideenräume. Die Besichtigungen erweiterten meine Gedanken, machten Appetit auf mehr und regten meine Fantasie dazu an, mir vorzustellen, was hier stattfinden könnte.

Begegnen Sie der Stadt Baden-Baden also neu?

Ich freue mich immer wieder, zu sehen, wie sich die jungen Tänzerinnen und Tänzer des Bundesjugendballetts einen neuen Ort durch Tanz erobern. Daran erinnert mich jetzt unsere Arbeit an dem neuen Festival. Wir nehmen den Tanz als Kommunikationsmittel an einem Ort ernst.

Mit „Ghost Light“ haben Sie 2020 in Deutschland das „Ballett des Jahres“ geschaffen und mit ihm in Baden-Baden vor Live-Publikum im Saal und im Fernsehen zu Tränen gerührt. War das auch für Sie ein besonderer Moment?

Absolut, ja. Wir hatten damals schon in Hamburg sehr bewegende Aufführungen gehabt – mitten in der Pandemie. Der Abend in Baden-Baden war dann durch die Verfilmung eine Art Fenster zur Welt. Im Rahmen der Kooperation mit dem SWR und mit ARTE sind schon einige meiner Ballette verfilmt worden, das sind immer faszinierende Aufgaben.

Verschwindet der Tanz aus dem öffentlichen Bewusstsein?

Das nicht, aber er darf nicht vergessen, auf Menschen zuzugehen. In der Pandemie haben wir wieder schätzen gelernt, was es heißt, vor einem physisch anwesenden Publikum zu tanzen. Das ist dann auch der Reiz an einem neuen Festival. Wir laden damit zum intensiven Austausch über Tanz ein. Die Tänzerinnen und Tänzer stehen ganz anders im Fokus als während der Repertoire- Vorstellungen. Und wir können vielleicht auch über Tanz reflektieren – historisch wie gesellschaftlich.

Welche weiteren Themen wollen Sie vertiefen?

Seit einiger Zeit recherchiere ich viel rund um die 1920er- und 1930er-Jahre. Mich bewegen die Schicksale der Tänzerinnen und Tänzer sowie der Choreographen dieser Zeit sehr. Es ist sehr wichtig, dass wir nicht vergessen, wer von diesen Vorfahren unserer Kunst später mit Berufsverboten belegt wurde, emigrieren musste oder sogar umgebracht wurde – und was wir dadurch verloren haben. Ich kreiere für das Bundesjugendballett daher ein Werk mit dem Titel „Die Unsichtbaren“, das auch nach Baden-Baden kommen wird.

Können Sie schon sagen, wie es mit „The World of John Neumeier“ weitergehen wird?

2023 werde ich definitiv als Ballettdirektor in Hamburg aufhören – nach 50 Jahren, was einmalig in der Welt des Tanzes ist. Ich bin daher sehr froh, mit Baden-Baden durch das neue Festival in Verbindung bleiben zu können. Lassen Sie sich überraschen!

ANDENKEN UND WARNUNG

John Neumeier erinnert an Opfer des Nationalsozialismus aus der Welt des Tanzes

Vielleicht gab ein Wandgemälde den Anstoß. Wenn John Neumeier über sein Projekt „Die Unsichtbaren“ spricht, hat er immer „Orpheus mit den Tieren“ der Hamburger Künstlerin Anita Clara Rée von 1931 vor Augen. Das Bild schmückte einst den Gymnastikraum der Mädchenschule Hamburg-Hamm. Heute ist hier das Fokine-Studio des Hamburg Ballett eingerichtet, in dem John Neumeier regelmäßig neue Kreationen entwickelt. Erst in den 1980er-Jahren wurde das Bild hinter einer Bretterwand entdeckt und freigelegt. Seine Malerin, Anita Clara Rée, wurde 1933 aus der Hamburger Künstlerschaft als „artfremdes Mitglied“ entfernt und beging kurz vor Weihnachten desselben Jahres auf Sylt Selbstmord. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten war ihr zum Verhängnis geworden. Ihre Bilder wurden zerstört oder – wie „Orpheus mit den Tieren“ – hinter Brettern vernagelt.

John Neumeier hat sich immer wieder mit den Opfern des Nationalsozialismus auseinandergesetzt – auch, weil er in den 1960er-Jahren Deutschland als Ausländer sehr gastfreundlich kennengelernt hatte und sich das Grauen, das keine 30 Jahre zuvor stattgefunden hatte, damals nicht vorstellen konnte. Heute ist es ihm ein Anliegen, insbesondere an Tänzer und Choreographen der 1920er und 1930er-Jahre zu erinnern, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, gerade weil sie selten im großen Rampenlicht standen wie die Kollegen des Schlagers oder des Kinos. „Der ‚Ausdruckstanz‘ oder der ‚deutsche Tanz‘ stand in dieser Zeit weltweit für den größten Fortschritt in der Tanzgeschichte“, blickt Neumeier auf diese Kunstform in den Jahren der Weimarer Republik. Kurzzeitig hielten sogar die Nationalsozialisten große Stücke auf diese Form der Modernität, doch das rettete vielen Künstlerinnen und Künstlern nicht das Leben.

Während die Geschichten Überlebender wie des „Tanzschrift- Erfinders“ Rudolf von Laban oder der Choreographin Mary Wigman bereits erzählt wurden, warten tausende von Tänzer- und Choreographinnen-Geschichten auf ein würdiges Andenken. „Bereits in den ersten Monaten der Arbeit konnten wir weit mehr als 300 Namen von Tänzern und Choreographen ermitteln“, berichtet John Neumeier von der Erinnerungsarbeit, die er zusammen mit den Mitgliedern des Bundesjugendballetts begonnen hat und gerade auch mit jungen Menschen weiter diskutieren möchte.

Dabei bleibt es dem Künstler John Neumeier wichtig, dass das Projekt „Die Unsichtbaren“ ein künstlerisches bleibt – keine dokumentarische Darstellung. „Es muss wissenschaftlich vorbereitet sein, aber es wird ein emotionales Echo werden, ein Andenken und eine Warnung.“